Mit zwei Raedern ins gelobte Land.

Eine wahre Geschichte.

Der Tag fing schlecht an. Andreas hatte sich fest vorgenommen die Latein – Hausaufgaben noch auf dem Weg zur Schule fertigzumachen, aber in dem Schuelerzug gab es soviele andere, wichtige Sachen, dass er jetzt mit Angst an die kommende Lateinstunde dachte. Und dann kam noch der Schlag, dass er wiedermal das Wort ‘mangelhaft’ vorfand als Esau die Hefte mit der letzten Lateinarbeit verteilte. Esau, der Lateinlehrer, konnte sowieso nicht verstehen, dass dieser Kerl absolut kein Latein lernen wollte, wo doch sein Bruder das Abitur als Bester in seiner Klasse bestanden hatte.
Auch der Papa konnte es nicht verstehen. Papa sass im Garten auf der Steinbank am Teich und versuchte festzustellen, ob die Katze wiedermal Goldfische gefruehstueckt hatte, als Andreas sich ihm, Schlimmes ahnend, mit dem Heft in der Hand, naeherte. In der Familie wurde groesster Wert auf Bildung gelegt und dazu gehoert eben auch Latein. Konnte doch Papa alle Europaeischen Saeugetiere auf Anhieb bei ihrem lateinischem Namen nennen. Und in dem Hause herrschte preusische Diziplin, schliesslich war Papa Offizier im ersten Weltkrieg gewesen. Deshalb war es eigentlich nicht ueberraschend aber trotzdem unerwartet, als Andreas, von einer Ohrfeige getroffen, ploetzlich mitten in den Haselnusstraeuchern sass. Die Triebe der Haselnuesse, gerade wie ein Lineal und elastisch, hatte er oft fuer Flitzebogen zugeschnitzt, aber aus dieser Sicht hatte er sie noch nie gesehen. Wuetend und mit donnernder Stimme: “so, jetzt ist’s genug” verkuendete Papa. “Aus mit Gymnasium - du kommst in die Lehre!” Eigentlich zu verstehen. Dieser Junge sitzt jetzt zum zweiten Male in der Quarta, kann nicht einmal ein paar lateinische unregelmaessige Verben auswendig lernen und hat nur Dummheiten im Kopf. Dass Ohrfeigen Dummheit nicht heilen, wusste Papa auch. Er wusste aber auch, dass es reine Faulheit von Andreas war oder, vielleicht wollte er einfach kein Latein lernen.
Etwas spaeter, nachdem die Mama die jeweiligen Wellen etwas geglaettet hatte, gab es eine ernsthafte Unterredung. “Mein Sohn, Du sitzt jetzt zum zweiten Male in der Quarta und ein drittes Mal gibt es nicht. Ich habe mich schon erkundigt (das heisst, der Olle war darauf vorbereitet) und Du hast die Wahl: als Lehrling in einer Weberei, oder Schlosserlehrling.” Diese Entscheidung zu treffen kostete den Andreas nichtmal einen Atemzug und so kam er zu Lohmann’s Albert in die Schlosserlehre.

Die Werkstatt von Lohmann war vielleicht 200 Meter entfernt, direkt neben der evangelischen Kirche und in zwei Minuten zu erreichen. Offiziell durfte Lohmann gar keinen Judensproessling mehr als Lehrling annehmen. Aber es war eine kleine Stadt und Lohmann bekam Auftraege von Papa’s Fabrik und dann musste er ihm auch praktisch keinen Lohn zahlen; also was kann daran schon schlecht sein? Ueberlegung von Albert. So kam es, dass Andreas die naechsten zweieinhalb Jahre jeden Morgen, statt mit dem Schuelerzug, zu Fuss zwei Minuten zur Arbeit in die Werkstatt ging, wofuer er das fuerstliche Gehalt von drei Mark im Monat erhielt. Die ersten Monate beschraenkten sich zum grossen Teil darauf Bier aus der Wirtschaft zu holen, dem Oberlehrling das Werkzeug zu reichen und sogar Jauche mit einem Handwagen auf Lohmanns Kartoffelacker zu fahren. Auch die Drehbank durfte er am Samstag putzen.

Es war nicht ganz leicht fuer ihn acht oder neun Stunden taeglich auf den Beinen und den Launen des Oberlehrlings ausgesetzt zu sein. Hans hiess der und war sicher kein Antisemit, es war einfach eine Erloesung fuer ihn von unangenehmeren Aufgaben befreit zu sein. Natuerlich durfte Andreas noch keine selbststaendigen Arbeiten machen, aber es gab doch eine Menge fuer ihn zu lernen. Er musste lernen das Schmiedefeuer anzuzuenden und zu betreuen und hatte dann darauf zu achten, dass das Eisen, das gerade erhitzt wurde, nicht verbrannte. Man kletterte auf Baugeruesten herum um eiserne Fenster zu montieren und in Heuschobern den Heuaufzug zu reparieren. Auch Fahrraeder wurden repariert, denn Lohmann hatte auch ein Fahrradgeschaeft wo man neue Mieleraeder kaufen konnte. Er wird wohl nie vergessen, als einer der zwei Ortsgendarmen, der Herr Boeckenhans, ihm zehn Pfennig, nach einer gelungenen Reparatur eines Platten, in die Hand drueckte. Boekenhans konnte die Gelegenheit einfach nicht verpassen, dem Sohn des Dr. Meyer ein Trinkgeld in die Hand zu druecken, der zwar einen roten Kopf bekam, es aber doch einsteckte. Immerhin, genug fuer ein Leckeis.

Fuer die Familie Meyer wurde das Leben langsam schwieriger – es war 1935. Schliesslich reiste der Papa nach Palestina um sich nach einem Platz umzusehen wohin man ausreisen und ausreissen konnte. Schwierige Verhandlungen ueber Verkauf der Fabrik und Haus bekam Andreas kaum zu spueren. Sein Problem war nach der Arbeit am Abend die Finger rein zu bekommen und mit ein paar Freunden, die, allen zum Trotz weiter zu ihm hielten, moeglichst unentdeckt moeglichst viel Bloedsinn anzustellen. Wenn endeckt, haette der Bloedsinn dem Papa grosse Schweirigkeiten bereiten koennen.

So um die Mitte 1937 wurde mit Packen angefangen und mit allem was damit verbunden war. Zu der Zeit konnte man noch Moebel mitnehmen und da hatte der Papa die grossartige Idee, Werkzeug fuer eine Schlosserwerkstatt mitzunehmen. Wofuer hatte er seinen Sohn Schlosser lernen lassen? Das heisst, Andreas bekam den Auftrag eine Liste aller dazu noetigen Werkzeuge zusammenzustellen. Das waren alles Werkzeuge die man ohne groessere Probleme in Bielefeld bei Oltrogge kaufen konnte, ausser - ein Wagen fuer den Schweissaparat. Also bekam Lohmann den Auftrag einen solchen zu bauen, den er sogleich an seinen Lehrling Andreas als erste ganz selbststaendige Arbeit weitergab. Doch da war ein Problem, das Albert aber bald loeste - die Raeder fuer den Wagen. Von einem Schrottplatz brachte er zwei grosse, schwere Eisenraeder die schon ihre Zeit als Teil eines landwirtschaftlichen Geraetes gedient hatten. Etwas zu schwer und etwas zu gross, aber dadurch auch unzerstoerbar und der Schrotthaendler war froh dass er sie los war.

Mit viel Eifer und Beratung vom Meister entstand ein wundervoller Wagen, nicht ganz Stromlinie aber stabil und mit einer Kette damit die Sauerstofflasche nicht umfallen kann. Rot mit Minium gestrichen kam er zu den Moeblen und Werkzeug in einen der zwei Lifte, so hiessen die Container damals, und er erblickte das Tageslicht erst wieder, nachdem die Lifte in Nahariya von den Lastwagen abgeladen waren, die sie aus dem Haifaer Hafen abgeholt hatten.

Die Meyers warteten dort schon auf ihre Sachen, nach einer Reise die der Papa noch dazu benutzte unterwegs seinem Sohn in Italien einige Ruinen zu zeigen. Es geht doch nichts ueber die Bildung! Nun wurden die zwei Lifte in etwa sechs Metern Abstand nebeneinander aufgestellt, mit einem Wellblechdach verbunden und so entstand in dem Zwischenraum ein wunderbarer Raum fuer eine Schlosserwerkstatt und los konnte es gehen. Der eine Lift diente als Buero und Abstellkammer und der zweite wurde Andreas’ Wohnung. Zweizwanzig mal fuenf Meter und zwei Meter hoch. Im Sommer konnte man auf dem Wellblechdach ohne Weiteres Spiegeleier braten und in der Regenzeit im Winter von der Blechtrommel taub werden.

Der Bruder Justus war schon vor den Eltern und Andreas nach Palestina gekommen. Zusammen eroeffneten sie die Schlosserei J. & A. Meyer und los ging’s. Lohmanns Albert haette sich einen Ast gelacht, wenn er gesehen haette, dass sein Lehrling eine eigene Werkstatt aufmacht. Soll er nur lachen. Und die Familie Meyer lachte weil sie einen Sohn hatten der in der Quarta sitzen geblieben war. Was haette der Andreas mit noch zwei oder drei Jahren qualvoller Lateinstunden anfangen koennen?

Nahariya bestand zu der Zeit aus einigen wenigen weitverstreuten Haeusern, aber mit einem guten Strassennetz. Die Siedler - Doktoren, Anwaelte, fast alles Akademiker - hatten wenig Ahnung von Landwirtschaft und ueberhaupt von praktischer Arbeit. Da passte eine Schlosserei gut rein. Das Einkommen war zwar sehr maessig, weil noch zu wenig Siedler da waren und weil sie alle kein Geld mehr hatten. Aber zusaetzlich zu dem Huehnerstall half es schon. Die Werkstatt war gut eingerichtet und der Schweissaparat stand stolz auf dem roten Schweisswagen. Trotz grossem Gewicht fuhr man mit ihm auf die Baustellen oder auch zu Strauss in die Molkerei, immer dahin, wo eben etwas zu schweissen war.

Nach 1948, als es schon Israel hiess, kamen grosse Auftraege fuer Rohrleitungen. Die waren meist viele Kilometer entfernt und Kilometer lang. Da wurde der Mandy Weinrauch mit seinem Pferd Bubba engagiert und der transportierte das Werkzeug auf seinem Pferdewagen zum jeweiligen Arbeitsplatz. Da das Rohrlegen meistens im freien Feld stattfand, wo es schwer war mit dem Schweisswagen zu fahren, blieb dieser mehr und mehr zu Hause und zum Schluss fand er seinen Platz zwischen dem alten Eisen, das sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Da die Raeder nicht mehr geoelt wurden, frass sich der Rost langsam wischen Nabe und Achse, sodass sie sich garnicht mehr drehen konnten.
Viele Jahre lag der Wagen so da und rostete langsam vor sich hin. Doch eines Tages kam der Herr Rapaport zum Andreas mit der Frage, ob er ihm ein Gartentor machen koenne, aber nicht so ein Standarttor sondern eines mit ‘nem Pfiff. Da nahm der Andreas den Schweissaparat, der lange Jahre auf dem Schweisswagen herumgefahren wurde und schnitt kurzerhand mit dem Schneidbrenner, dicht neben einem Rad, die Achse durch. Aus dickem Flacheisen wurden ein paar starke Scharniere geschmiedet und an dieses Rad angeschweisst.

Am Eingang zu Rapaports Garten wurden rechts und links drei-Zoll dicke Rohre einbetoniert und das Vaterteil der Scharniere an eins der Rohre geschweisst, das Rad eingehaengt und presto – ein Gartentor mit ‘nem Pfiff. Ein Ueberwurf hielt das Tor am zweiten Rohr fest so, dass man auch noch ein Vorhaengeschloss einhaengen konnte. Den Briefkasten mit der Hausnummer montierte der Herr Rapaport selber, nicht sehr fachmaennisch, mit einem Bindedraht; aber woher sollte der Herr Rapaport es besser wissen? Er hatte Lohmanns Albert ja nicht einmal gekannt! So schwang das Rad jahreland immer hin und her, ohne sich je wieder zu drehen, waehrend das andere Rad weiter auf dem Schrotthaufen rostete und rostete.
Eines Tages liessen die Rapaports das Tor sogar knallrot streichen, aber die Scharniere oelten sie nicht. Und Warum? Bei jeden Hin und Her quietschte das Tor ganz fuerchterlich, wodurch sie, aber auch ihre Nachbarn, immer wussten, wenn zu Rapaports jemand in den Garten kam.
Dann kam der Tag an dem Andreas seine Sachen packte, sein Haus verkaufte und nach Kfar Vradim umzog, mitsammt Fabrik, denn vor vielen Jahren hatte er, zusammen mit seiner Frau Esther, die Schlosserei in eine Glasfabrik verwandelt. Der Grund fuer den Umzug waren mehrere Gruende. Die Fabrik wollte wachsen, was an dem Platz nicht moeglich war. Der Buergermeister hatte den Andreas sehr geaergert weil er alle Baeume absaegte. Nahariya war nicht mehr was es mal war – immer enger bebaut und das Klima in Kfar Vradim ist auch viel besser. 630 Meter hoch liegt jetzt sein Haus, keine Meeresfeuchtigkeit mehr wie in Nahariya. Durch die Kriegsjahre war Andreas gewohnt nicht so schnell etwas wegzuwerfen, denn wer weiss wo man dies oder das nochmal brauchen kann und vielleicht gibt es sowas garnicht mehr. Das liegt ihm so im Blut, dass er auch mit 75 Jahren bei dem Umzug Sachen mit raufnahm, die ein Anderer kein zweites Mal angeguckt haette. Und so kam das zweite Rad des Schweisswagens, verrostet wie es war, in Kfar Vradim in den Garten und es ist noch dort, nach fuenf Jahren, von Blumen vollkommen ueberrankt. Das Rad kann dort auch noch hundert Jahre rosten so massiv wie es gebaut ist.

Die Rapaports dagegen schwitzten weiter in Nahariya bis eines Tages der Sohn sie beide zu sich nach Berlin holte. Mit neunzig kann er seinen Vater nicht alleine mit seiner Frau in Nahariya schwitzen lassen, meinte er, ueberzeugte die beiden mit sanfter Ueberredung und verkaufte Haus und Boden in Nahariya. Doch trotz neunzig wollte der alte Rapaport nicht auf seinen Kram verzichten und so ging ein Lift mit dem Kram - diesmal in die andere Richtung. Der armen Noffi uebergab man das alles einzupacken. Das Gartentor kannst Du Dir abholen, wenn Du willst, sagte sie zum Andreas, aber bis zum 31. Dezember bitte, denn am ersten Januar 2001 gehoert das jemanden anders.
Wie immer zu Sylvester trafen sich Esther und Andreas mit ihren letzten, alten Freunden, die letzten Jecken, die letzten Mohikaner, um nochmal zusammen zu feiern. Um acht Uhr abends fuhren die beiden mit ihrem, auch alten, Kombi die zwanzig Kilometer runter nach Nahariya, ein paar Werkzeuge im Gepaeckraum. Wie Diebe bei Nacht hielten sie vor dem roten Gartentor und mit wenigen geuebten Griffen hatte Andreas bald das Tor ausgehaengt und, diagonal genau passend, mit Esthers Hilfe, in den Laderaum geschoben. Keine Kleinigkeit mit 80 und einem 45 Kilo schwerem Tor. So kamen sie, etwas verschwitzt, aber noch zurecht, zur Sylvesterfeier.

Seitdem steht das Tor oder auch Rad, mit seiner auffaelligen, roten Farbe, in Kfar Vradim an das Gelaender gelehnt, waehrend das andere, verrostet unter Blumen, auf der anderen Seite des Hauses an einen Felsen lehnt. Ob die beiden, so nahe beieinander, wohl doch noch mal zusammenkommen? Auch als sie noch gemeinsam durch die Welt fuhren, sind sie eigentlich niemals zusammengekommen, sondern immer parallel nebeneinander, im selben Abstand voneinander getrennt, dahin gerollt, wohin Andreas es gerade wollte.
Der blecherne Briefkasten wurde geputzt und saeuberlich eingepackt als Ueberraschung an die Rapaports nach Berlin geschickt, mit den Reklamezetteln die noch drin waren und etwas Israelischen Suessigkeiten - zu seinem neunzigsten Geburtstag. Sollen sie etwas Heimweh haben!

Andreas Meyer.
Kefar Veradim, Israel.
Maerz 2001