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Nahariyas erste Lebensjahre 1934 bis 1949 plusHistorische Einfuhrung in die Bildersammlung von Andreas Meyer. Die folgende Darstellung ist ohne Quellenverweise geschrieben. Grundlage hierfur bilden erstens uber 70 Interviews und Gesprache, die ich mit Nahariyanern der ersten und zweiten Generation gefuhrt habe, zweitens die Lekture von Primarquellen und Sekundarliteratur uber Nahariya und die Epoche seiner Grundung, die ich verarbeitet habe. Sie lassen sich leicht im Anhang meiner bisherigen Veroffentlichungen uber Nahariya wiederentdecken. Klaus Kreppel Sämtliche Bilddokumente dieser Präsentation wurden von Andreas Meyer über mehrere Jahre gesammelt, gescannt und repariert, wo es nötig war. Die Fotos stammen zum Teil von eigenen Aufnahmen und Aufnahmen seines Bruders Justus und seines Vaters Dr. Otto Meyer. Der weitaus größere Teil der Sammlung wurde ihm von vielen anderen Nahariyanern, die selbst noch diese Zeit miterlebt haben, zur Verfügung gestellt, darunter vor allen Sascha Blitzblau und Kulli Weidenfeld, Carmela Mazursky, Dr. Fritz Wolf, Ruthi Gertner/Lehmann, Esra Reich, Sigmund Zweig, Chava Wachtel/Feldheim, Leah Tidhar/Nothmann, Gad Stein, Beate Winter/Rosenthal. Chava Plaut, Jonathan Moller, Raja Strauss, Ruben Maskit, Stef Wertheimer, Judith Leiserowich/Deutsch, Aviva Nahari/Adler, Nomi Bar Sela/Isaacsohn, Jossi Ettlinger, Alf Rülf, Walli Popper, David and Hannah Oren/Leschziner, Addy Cohn, das Archiv Beth Liebermann, das Zionistische Zentralarchiv und andere. Andreas bittet um Nachsicht, wenn er eine Namensnennung vergessen hat. Es sind zufällige und private Aufnahmen und die vorliegende Präsentation erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Geschichte Nahariyas. Die historische Einführung und die Einleitungen zu den 15 Kategorien hat der Historiker Dr. Klaus Kreppel aus Nahariyas Partnerstadt Bielefeld verfasst. Diese wurden von Joram Davidsohn ins Hebräische und von Avner Greenberg ins Englische übersetzt. Die einzelnen Bildtexte hat Andreas Meyer gesammelt und, nach Beratung mit Eli Bar-On, geschrieben. Sie wurden von Alf Rülf ins Hebräische übersetzt. Die Computer-Präsentation wurde von David Gürsoy erstellt. Der Herausgeber dankt allen Helfern, die zur Entstehung der vorliegenden Fotopräsentation beigetragen haben. Andreas Meyer übergibt die vorliegende Fotosammlung dem Nahariya Museum im Beit Liebermann anlässlich der 70-Jahrfeier im Jahre 2005. Leser dieser Sammlung, die noch Material über oder aus Nahariyas ersten Jahren besitzen werden gebeten dieses dem Nahariya Museum im Hause Liebermann, P.O.B. 78, 22100 Nahariya Kontakt, zur Verfügung zu stellen, um es der Nachwelt zu erhalten. Dr. Klaus Kreppel 24.09.04 Nahariya - ein utopisches Modell Dr. SoskinsNahariya war ein utopisches Modell, im Kopf des Agronomen Dr. Selig Eugen Soskin (1873-1959) geboren. Soskin stammte aus Russland, hatte in Deutschland Landwirtschaft und Philosophie studiert und zählte seit 1903 zu den bekanntesten Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung. Er beherrschte Russisch, Jiddisch, Deutsch und Englisch, aber wohl kaum Hebräisch. Auf seinen zahlreichen Weltreisen hatte Dr. Soskin eine Kleinkolonie in Südspanien entdeckt, Monte Algaida mit Namen. Auf etwa sieben Dunam intensivster Kultivierung des Dünensandes bauten die Kolonisten Kartoffeln, Melonen, Gurken und andere Gemüsearten an - nur mit Hilfe der Sonne und des Grundwassers und unter Zurhilfenahme von Stalldünger aus eigener Kleintierhaltung und Kompost. Jedes Haus stand auf seiner Parzelle, die gerade groß genug war, um in familiärer Eigenarbeit die landwirtschaftlichen Produkte zu erzeugen und den Überschuss zu vermarkten. Alle Kolonisten waren Mitglieder verschiedener Kooperativen, die die nötigen Infrastruktur- und Vermarktungsleistungen, aber auch die kommunalen Dienste und die Kreditversorgung übernahmen. In der ganzen Welt von Lateinamerika bis China hatte sich Soskin umgeschaut, um ein geeignetes Kolonisationsmodell für das jüdische Palästina zu suchen. Anfang der Zwanzigerjahre hatte er es am westlichen Mittelmeerrand gefunden. Sein Spiegelbild am östlichen Mittelmeerrand sollte Mitte der Dreißigerjahre Nahariya werden. Im Jahre 1917 hatten die Briten mit der "Balfour-Erklärung" dem jüdischen Volk in ihrem späteren Mandatsgebiet Palästina eine "nationale Heimstätte" in Aussicht gestellt. Da sich die Juden ihr künftiges Nationalheim mit den bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina teilen sollten, war es angebracht, den engen Siedlungsraum möglichst rationell zu nutzen. Im Modell "Monte Algaida" glaubte Soskin den Schlüssel zur Lösung des Kolonisationsproblems in Palästina gefunden zu haben. Seine Neuentdeckung hieß von nun an "intensive Kolonisation auf kleinster Fläche und privater Basis". Der Agronom Davis Trietsch (1870-1935), Vater und Schwiegervater des späteren bekannten Nahariyaner Ehepaares Hannah (1911-2001) und Benjamin Jeremias (1910-1992), unterstützte Soskin in diesem Vorhaben. Auch Chaim Weizmanns (1874-1952), unterstützte als Präsident der Zionistischen Bewegung Soskins Kolonisationsmodell, doch die Delegierten und meisten Kolonisationsexperten auf den Zionistenkongressen reagierten mit Ablehnung und Skepsis. Aber je größer die Zahl seiner Kontrahenten wurde, desto mehr versteifte sich Dr. Soskin auf die Unfehlbarkeit seines Modells: "Dies ist der Weg - einen anderen gibt es nicht!" rief er im Jahre 1925 den 500 Delegierten des XIV. Zionistenkongresses in Wien zu. Arthur Ruppin (1876-1943), der langjährige Leiter des Palästina-Amtes und spätere Leiter der "Deutschen Abteilung" der Sochnut, konterte mit dem Ausspruch: "Lo su haderech! Nein, das ist nicht der Weg!" Er verwahrte sich gegen den Ausschließlichkeitsanspruch, mit dem Soskin seine Ziele verfolgte. Arthur Ruppin hatte als eher moderater Pragmatiker bereits ein Jahrzehnt zuvor einen jungen politischen Hitzkopf in die Schranken verwiesen: den Ingenieur Joseph Loewy (1885-1949). Dieser war eigentlich als technischer Angestellter im Jahre 1913 in Ruppins Palästina-Amt eingetreten, verselbstständigte sich aber in kürzester Zeit zu einer Art "politischem Überflieger", der eine eigene Pendeldiplomatie zwischen Konstantinopel und Jerusalem, zwischen deutschen und amerikanischen Botschaftern und Generalkonsuln, zwischen türkischen und deutschen Offizieren in Palästina und unter zionistischen und nichtzionistischen Juden des Jishuv betrieb. Als sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges die judenfeindliche Stimmung im osmanischen Palästina breit machte, plädierte Joseph Loewy im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten Ruppin für einen bewaffneten Selbstschutz der jüdischen Siedler, sogar unter dem Schutz amerikanischer Kriegsschiffe, die an Palästinas Küste patrouillierten. Dies verstieß in den Augen Arthur Ruppins gegen das Neutralitätsgebot der palästinensischen Juden, die zum osmanischen Reich gehörten, das an der Seite Deutschlands gegen das Britische Empire Krieg führte und nur zu gern die Juden der Kollaboration mit dem englischen Feind (und seines natürlichen Freundes USA) verdächtigte. Durch sein provokatives Verhalten überwarf sich Joseph Loewy mit Arthur Ruppin, der den Arbeitsvertrag mit Loewy kündigte und in seinem Entlassungsschreiben an das "Engere Aktionskomitee" in Den Haag dem Ingenieur auch sachliche Fehlentscheidungen unterstellte, die Loewy zurückzuweisen verstand. Nicht der "Politiker", sondern der "Fachmann" Loewy fühlte sich zutiefst verletzt. Die Narben dieser Verletzung waren auch nach zwanzig Jahren, als Nahariya gegründet wurde, noch nicht verheilt, als sich Loewy mit einem anderen, ebenfalls von Ruppin unverstandenen Querdenker, Selig Soskin, verbündete.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Loewy mit seiner inzwischen angetrauten Frau Clara, geborene Sommerfeld (1889-1974), nach Palästina zurückgekehrt. Nach anfänglichen Misserfolgen mit seinem Bauunternehmen "Kedem" entwickelte sich Loewy zum größten privaten Bodenkäufer Palästinas. Als er Mitte der Zwanzigerjahre mit dem Erwerb und der Entsumpfung der Haifa-Bucht beschäftigt war, wandte sich Selig Soskin an ihn mit dem Vorschlag zur Errichtung einer intensiv-landwirtschaftlichen Mittelstandssiedlung. Aber auch dieser Versuch blieb in den Anfängen stecken. Erst die besonderen Bedingungen der "Fünften Aliyah" ermöglichten die Gründung einer intensiven Mittelstandssiedlung, die den Namen "Nahariya" erhielt. Die historische Besonderheit dieser "Fünften Einwanderungswelle" zwischen 1933 und 1939 nach Eretz Israel war eng mit den antisemitischen Pogromen in Deutschland verbunden, wo in den ersten sechs Jahren der nationalsozialistischen Diktatur eine systematische öffentliche Diskriminierungspolitik 220.000 jüdische Bürger zur Auswanderung nötigte, ehe 1939 die Vernichtung der europäischen Juden angekündigt und mit der Wannseekonferenz 1942 besiegelt wurde. Etwa 40.000 deutschsprachige Juden kamen zwischen 1933 und 1938 in Eretz Israel an. Gerade im ersten Jahr der Nazi-Herrschaft in Deutschland suchten jüdische Geschäftsleute, Freiberufler, Beamte und Richter nach beruflichen Alternativen im Ausland, nachdem sie von Boykottmaßnahmen und Beschäftigungsverboten hart getroffen waren. Als Auswanderungsziele kamen in erster Linie die USA oder Südamerika in Frage, denn die bisherige Siedlungspolitik in Palästina war auf zionistische Kolonisten aus Osteuropa zugeschnitten. Seit dem Zionistenkongress in Prag (1933) gab es ein "Zentralbüros für die Ansiedlung deutscher Juden" in Palästina, kurz "Deutsche Abteilung" genannt. Es wurde von Arthur Ruppin geleitet, der versuchte, vor allem Menschen aus dem Mittelstand mit etwas Eigenkapital zur Einwanderung nach Eretz Israel zu bewegen. Für deutsche Mittelständler wurden 1933 Kiryat Bialik und Ramot Haschawim gegründet. Ramot Haschawim basierte auf den Ideen von Davis Trietsch, einem Freund von Selig Soskin. Soskin glaubte, dass die Zeit für sein landwirtschaftliches Modell herangereift sei.
Im Jahre 1934 ergab sich die Gelegenheit, etwa 2000 Dunam arabischen Bodens nördlich von Akko an der Mündung des "Nahr Mafshukh" für 34.000 Palästinensische Pfund (£P) von der Grundbesitzerfamilie Touëni in Beirut zu erwerben. Die Käufer waren vier Privatleute: Heinrich Cohn (1895-1976), ein bekannter Bankier aus Tel Aviv, Joseph Loewy, Dr. Selig Eugen Soskin und Frau Paulina Wengrover-Salkind, die zwei in Palästina ansässige notable jüdische Familien repräsentierte. Sie gründeten mit drei weiteren Herren, dem Kaufmann Erich Roth (1895-1962), dem Ingenieur Simon Reich (1883-1941) und Siegmund Warburg (1896-1962), dem Sohn des dritten zionistischen Präsidenten Otto Warburg, die "Nahariya Small Holdings Ltd.". Diese suchten weitere Anteilseigner, zu denen u.a. Alfred Leonhard Tietz vom westdeutschen Zweig der Warenhausgruppe Hermann Tietz, Ingenieur Dunie, der 1938 ermordete Schwager Chaim Weizmanns oder Professor Otto Warburg (1859-1938) gehörten. Zahlreiche Siedler zeichneten einen Anteil von jeweils 500 £P beim Erwerb ihrer Parzelle und bekamen den Kaufpreis "bis zur Liquidation der Gesellschaft" gestundet. Dann sollte ihre Schuld mit dem Kapitalertrag und der Dividende der Aktien verrechnet werden. Zu ihnen gehörten die Siedler Willi Adler (geb. 1904), Willi David (1883-1950), Walter Deutsch (1907-1981), Hermann Friede, Herbert Haliczer (1916-1970), Dr. Egon Hönigsberg, Dr. Walter Isaac, Dr. Rolf Jacobi, Alfred Rosenblatt (1893-1975), Max Sommerfeld (1880-196), Dr. Walter Stiel (1902-1973), Dr. Hermann Tuchler (1895-1970) und Dr. Edmund Weidenfeld (1907-1979). Die drei Herren Dr. Soskin, Loewy und Cohn bildeten auch das erste provisorische Direktorium ("Board") der Kapitalgesellschaft und galten somit auch als die "drei Gründer" Nahariyas. Bis zum Weiterverkauf der fertigen Landwirtschaften ("Meschakim") an mitteleuropäische Neusiedler sollten die Wasser- und Elektrifizierungsfragen geklärt, ein Wegenetz geschaffen, die Farmgrößen von fünf, sieben und neun Dunam festgelegt, Häuser unterschiedlichen Typs und Hühnerställe konstruiert und das notwendige Klein- und Federvieh besorgt sein.
Das Aufbaujahr 1934/1935 verlangte von der Leitung der Nahariyya Ltd. eine Vielzahl soziologischer, ökonomischer, kaufmännischer und technischer Entscheidungen, die einer ständigen Beratung durch jeweilige Fachkräfte bedurften. Vier Beiräte - "Advisory Boards" - sollten als fachberatende Organe dem Board der Gesellschaft zur Seite stehen: ein Beirat für Baumpflanzungen (mit Experten wie Professor Otto Warburg und Dr. Jacob Oppenheim), ein Beirat für Hausbau (mit Professor Eugen Ratner vom Technion in Haifa und Architekt Cassel), ein Beirat für Geflügelzucht (mit Fachleuten aus Mikwe Israel und Nahalal) und ein Beirat für Gemüseanbau. Hier arbeitete ein Herr Sellinger mit, der später Nahariyyas legendärer "Gemüseinstruktor" wurde. Die Instruktoren hatten die Aufgabe, die Siedler in allen landwirtschaftlichen Fragen theoretisch und praktisch zu beraten. Sellinger zur Seite standen die Instruktoren Jakob Pauker (1902-1998) und Benjamin Jeremias. Als Fachleute für Obstbau wurden die Gebrüder Chadaschi nach Nahariyya geholt. Mit Chaim Katzenellenbogen (1906-1986), einem Agronomen aus Kaunas mit Studium in Paris, waren die Siedler in allen Fragen der Geflügelaufzucht gut beraten.
Da die Siedlungsgesellschaft ihren Zweck in der Bereitstellung dieser Infrastruktur und im Verkauf der fertigen Farmen erfüllt sah, war ihre baldige Liquidation vorgesehen. Alle infrastrukturellen und kommunalen Dienstleistungen sollten dann von der 1935 gegründeten "Kooperative" übernommen werden. Diese Genossenschaft der Siedler regelte alle Einkaufs-, Vermarktungs- und Konsumangelegenheiten, ebenso übernahm sie kulturelle, soziale und kommunalpolitische Aufgaben. Sie finanzierte sich durch Erhebung eines Kapitalanteils zwischen 5,- und 10,- £P pro Dunam und Siedler. In ihren Verwaltungsstrukturen wirkten zahlreiche Siedler mit. Erster Vorsitzender der Kooperative war der aus Heidelberg stammende Oskar Peter Mayer (1890-1959). Mit seiner Frau Gretel gründete er später die Pension "Gretel Mayer", die 1957 in ein Altenwohnheim der Freimaurer umgewandelt wurde. Sein Nachfolger wurde ab 1937 der Heilbronner Rechtsanwalt Dr. Oskar Mayer-Wolf (geb. 1893), der ab 1941 auch dem "Local Council" vorstand und damit erster Bürgermeister Nahariyas wurde. Oskar Mayer-Wolfs Sohn Benjamin Kurt, 1925 in Heilbronn geboren und 1949 mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert, hat übrigens das heutige Wappen Nahariyas entworfen. Seine Schulfreundin Beate Rosenthal (geb. 1925 in Berlin) berichtet, dass seine Idee vom Wasserturm mit Meer und Strand und dem Ackerland mit Sonne den ersten Preis bei einem Malwettbewerb in der Schule erhielt. Oskar Mayer-Wolf zur Seite stand Heinz Lesser (1912-1990) aus Stargard/ Pommern. Dieser führte viele Jahre hindurch als hauptamtlicher Sekretär die Geschäfte der Kooperative und danach der Gemeinde Nahariya. Er wanderte später nach Australien aus. Im "Waad" der Kooperative wirkten von der ersten Stunde an noch folgende Personen mit: Wilhelm Broch, Paul Dreifuss (Kaufmann aus Hungen/Hessen), Hermann Friede, die Juristen Dr. Walter Stiel und Dr. Hermann Tuchler und der erste Arzt Nahariyas, Dr. Egon Hönigsberg, der später von Dr. Edmund Weidenfeld abgelöst wurde. Das Scheitern des Soskin-ModellsVor allem in zwei zentralen Punkten gab es von Anfang an Dissens im "Board" der Gesellschaft: Erstens bei der Unterkalkulierung der Grundstückspreise gegenüber den Käufern aus Deutschland, denen dadurch zusätzliche Mehrkosten für Nachfolgeinvestitionen zugemutet wurde, und zweitens bei den zu hoch prognostizierten Gewinnerwartungen aus der intensiven Landwirtschaft. Beides würden nach Meinung Heinrich Cohns, des "dritten Gründers" von Nahariya, potenzielle Ursachen für Geldknappheit und Neuverschuldungen unter den Siedlern Nahariyas sein. Erst nach und nach korrigierte die Gesellschaft ihre Kalkulationen für die nachfolgenden Grundstückskäufer. Dadurch (und durch weitere Gründe) geriet die Gesellschaft aber selbst in finanzielle Not und litt unter dauernder Unterfinanzierung. Dieses wurde in einem Untersuchungsbericht, der im April 1938 von den beiden ehemaligen Rechtsanwälten aus Breslau, Dr. Hermann Tuchler und Dr. Hugo Nothmann (geb 1883), vorgelegt wurde, bestätigt. Solche Gefahren hatte einst der "dritte Gründer" Nahariyas, Heinrich Cohn, vorausgesehen. Als Finanzfachmann wies er bereits auf die beiden Grundsatzfehler der Unterkalkulation der Grundstückspreise und der Überkalkulation der Gewinnerwartungen der Siedler hin und wurde dabei von David Stern (1889-1962), dem Agrarexperten der Sochnut, unterstützt. Dr. Selig Soskin, der hierin die Fortsetzung seines "Glaubensstreites" mit führenden Zionisten aus den Zwanzigerjahren sah, verteidigte in einer "Apologie" sein Modell und wurde dabei von Joseph Loewy gegen Heinrich Cohn unterstützt. Letzterer resignierte und wurde aus dem Board "ausgebootet". Heinrich Cohn geriet in Vergessenheit. Und in die Rolle eines "dritten Gründers" schlüpfte allmählich Simon Reich (1883-1941), der als technischer Leiter der Nahariya-Gesellschaft für alle technischen Innovationen und auch deren Defizite verantwortlich war. Simon Reich arbeitete einst als Wasser-, Straßen- und Brückenbauingenieur für die kaiserlich-königliche österreichisch-ungarische Eisenbahn, ehe er 1919 nach Palästina kam und ab 1924 zusammen mit Joseph Loewy die Sümpfe in der Haifa-Bucht trockenlegte. Der Agronom der Sochnut, David Stern, sah noch ein drittes und viertes Problem auf Nahariya zukommen: Er rechnete nach, dass von den Fünf-, Sieben- und Neun-Dunam-Parzellen allenfalls die Letztere rentabel sei und prognostizierte, dass die landwirtschaftliche Arbeit als solche für die mitteleuropäischen Neueinwanderer ohne landwirtschaftliche Erfahrung und in einem Alter von über 40 Jahren "überhaupt nicht geeignet" sei. Stern befürchtete, dass die Siedler Nahariyas ihre mitgebrachten finanziellen Reserven bald aufgebraucht haben würden und eine "Katastrophe" nicht zu vermeiden sei, die dann "auf unsere Lasten", also zu Lasten der "Sochnut", fallen würde. Und noch ein fünftes Problem stellte sich heraus, das selbst die Obstbaumexperten Professor Otto Warburg und Dr. Jacob Oppenheimer, die in den Beiräten der Gesellschaft saßen, nicht bemerkt hatten: In Soskins Modell war in erster Linie der Anbau von Kernobst vorgesehen. Dafür war Nahariya wegen seines zu warmen und feuchten Klimas völlig ungeeignet. Dies zu überprüfen versäumten die Fachleute - zum Schaden der Siedler, was sich erst wenige Jahre später herausstellen sollte. Somit war das Scheitern des "Soskin-Planes" bereits von seinem Ansatz her vorprogrammiert. Fritz Wolf (geb. 1908), letzter noch lebender Erstsiedler Nahariyas fasste dies aus seiner Perspektive zusammen: "Letztlich haben wir an allem, was wir geliefert haben, Geld verloren. Warum? Weil die arabische, damals libanesische Konkurrenz, viel, viel billiger war. Und der Gedankengang, den der Gründer Dr. Soskin hatte, dass man Qualitätsgemüse liefern sollte, machte damals noch gar keinen Sinn. Die Leute wollten kein Qualitätsgemüse, sie wollten billiges Gemüse. Also das war Pleite Nummer eins. Pleite Nummer zwei waren die Obstbäume. Sie waren für das Klima hier am Meer nicht geeignet. Sie gedeihen ein paar hundert Meter höher. Also Pleite Nummer zwei. Pleite Nummer drei, die ich noch nicht mitbekam, das waren die Hühner. Denn die Hühner, die da gekauft wurden, waren in der Regel krank und hatten schon den Schnupfen, bevor sie zu legen anfingen. Es gab noch keine eigene Aufzucht, das hat sich alles später entwickelt. Also mit anderen Worten: Wir waren pleite, bevor es überhaupt nur anfing."
Dennoch kamen die ersten Siedler frohen Mutes und dankbar, der judenfeindlichen Stimmung im nationalsozialistischen Deutschland entkommen zu sein. Hannah Deutsch, später Dayan (1914-2001), gehörte mit ihrem Mann Walter und dem Ehepaar Ruth und Jakob Pauker zu den ersten Siedlern, die sich am 10. Februar 1935 im noch unfertigen Nahariyya niederließen. Dieser Tag des ersten Einzugs der Siedler gilt als das offizielle Gründungsdatum Nahariyas. Beim Einzug fehlten dem Wellblechhaus ("Zrif") des Ehepaares Deutsch noch die Sperrholzplatten an der Zimmerdecke. Hannah Deutsch fühlte sich aber "glücklicher" im Vergleich mit den Nachbarn Pauker, die noch einige Zeit unter einem offenen Dach leben mussten. Ruth Pauker und Hannah Deutsch gebaren auch die ersten "Nahariya-Kinder": Miriam Pauker und Yael Deutsch kamen noch im Gründungsjahr 1935 zur Welt. Ihnen folgten im Jahr 1936 Aviva Adler, Judith Lesser, Daniela Jeremias und Yoel Rosenblatt. Hannah Deutsch berichtet über das Jahr ihres Einzuges in Nahariya: Transportmittel in Nahariyya waren Esel und Kamele, die meist vom arabischen Nachbar aus Achsiv, Abdul Karim, angemietet wurden. Die Kamele schleppten schwere Lasten, zum Beispiel die Möbel der Neuankömmlinge vom Eingang der Siedlung bis zum Haus oder den Sif-Sif-Sand für das Betongemisch des Hausbaus. Das Trinkwasser brachten die Esel aus dem Flüsschen Mafsukh in zwei Kanistern à 20 Liter pro Tag. Zum Kochen verwandten die ersten Siedler ausschließlich einen "Primus"(Petroleum)-Kocher. Petroleum-Lampen waren die einzigen Lichtspender, da Nahariya noch nicht an ein elektrisches Netz angeschlossen war. Die Möbel zimmerten sich die ersten Siedler aus ihren Überseekisten und aus Brettern, die überall auf den Bauplätzen herumlagen. Als Tisch benutzten sie eine stehende Kiste, über die eine runde Waschwanne gestülpt wurde "mit einer hübschen Decke darauf." Ein Koffer mit einer weichen Decke diente als Sitzbank. "Ein WC gab es natürlich auch nicht. Aber auch das war kein Problem: rasch war eine Kiste neben unserem Häuschen aufgestellt und mit Hilfe von ein paar Brettern und einem Eimer war alles in bester Ordnung." Die ersten Einkäufe wurden in Haifa getätigt. Brot brachten Mitsiedler, die noch in Haifa wohnten. Überhaupt war es sehr einsam draußen in Nahariya, da selbst die jüdischen Arbeiter anfangs noch nicht in diese Siedlung kommen wollten. So musste die Arbeit von künftigen Siedlern und einigen Arabern geleistet werden. "Man pflanzte Bäume. Legte Versuchsgärten an und zog Tausende von Küken auf. Außerdem wurde natürlich ununterbrochen gebaut. Jedes Haus schien unendlich weit vom nächsten entfernt, weil es keine Verbindungsstraßen gab. Wenn ich nachmittags meinen Mann von der Baustelle abholte, kam es mir vor, als machte ich einen Ausflug... Abends war es besonders einsam. Aber wir versuchten es uns so gemütlich wie möglich zu machen. Wir waren glücklich und wollten es gar nicht anders haben."
Als elfjähriges Mädchen kam Beate Rosenthal mit ihren Eltern nach Nahariya: "Wir waren im Juni 1936 nach Nahariya gekommen und die Schule sollte im September 1936 beginnen. Der erste Lehrer, Herr Riesenberg, hatte gerade den Ort wieder verlassen, da er mit den Kindern aus Deutschland nicht fertig wurde. Die Schüler ärgerten ihn oft und viel. Der Unterricht fand abwechselnd südlich und nördlich des Ga'aton-Flusses statt. Eines Tages, als alle Kinder über das Brett gegangen waren, das die Südseite mit der Nordseite verband, nahmen sie das Brett und warfen es in den Fluss. Das Brett schwamm gemütlich zum Meer hin, aber der Lehrer, der hinter ihnen herkam, musste einen großen Umweg über die Hauptstraße Akko-Beirut machen, um in den Norden Nahariyas zu kommen. Zwei Monate später erhielten wir zwei neue Lehrer, Herrn Artzi und Herrn Kurzberg. Als erstes änderte Herr Kurzberg alle unsere deutschen Vornamen in hebräische. Hannelore wurde zu Chana, Marianne zu Miryam. Ich wurde nicht mehr Beate, sondern Batia gerufen. Es gab zunächst nur einen Schulraum. So lernte die erste Gruppe im Alter von 14-15 Jahren von acht bis zehn Uhr morgens und die zweite Gruppe von 10 bis 12.30 Uhr. Manchmal konnten wir die Tür vom Klassenzimmer nicht öffnen, so mussten alle Schüler, ebenso der Lehrer, durchs Fenster klettern; und das war nicht leicht, da das Fenster schmal und hoch war. Ein Jahr später (1937) kamen Herr Ephraim Joel (1907-1966) und Dr. Shlomo Rülf (1896-1976) zu uns und die Schule bekam ein ernsthaftes Aussehen. Sie hatten es nicht leicht. Da es nur ein Klassenzimmer gab, kämpften sie um ein weiteres. Nach langem Hin und Her bekamen sie noch einen Raum, aber am Nordende von Nahariya. So mussten die armen Lehrer immer hin- und herlaufen, um ihre Schüler zu unterrichten. Endlich eines Tages landete der Schulraum, welcher immer wanderte, wenn die Parzelle, auf der er stand, verkauft wurde, auf dem Hügel, wo heute die Weizmann-Schule Steht. ,Hier wird die Schule sein', entschloss man sich, und baute zwei große Räume, die eine Mitteltür verband. An Freitagabenden, samstags und feiertags wurde die Tür geöffnet, um den großen Raum als Synagoge zu nutzen. Herr Rülf war ursprünglich Rabbiner in Saarbrücken gewesen. Und bis wir unseren ersten hauptamtlichen Rabbiner Dr. Keller (1909-1998) bekamen, übernahm er ehrenhalber das Amt des Rabbiners. Alle meine Freunde feierten ihre Bar Mizwa, und Dr. Rülf war ein wunderbarer Prediger und hielt sehr gute Reden. Herr Rülf war unser erster Schuldirektor und war auch ein sehr guter Lehrer. Ich erinnere mich, dass er einmal mit einer kleinen Glocke herumlief, um uns zur Stunde zurückzurufen. Er konnte uns nicht sehen, denn wir saßen in den Büschen. Eines Tages kam ein arabisches Fischerboot ans Ufer und lud uns zu einer kleinen Spazierfahrt ein. Wir alle hatten eine schöne Stunde, aber Herrn Rülf gefiel das gar nicht. Er regte sich sehr auf und lud am Abend zu einer Elternversammlung ein, in der er den Eltern erklärte, dass er das für gefährlich hielt, wenn die Kinder in einem arabischen Fischerboot aufs Meer hinausfuhren. Die Eltern gaben ihm Recht. Herr Rülf tat viel für die Schule von Nahariya. Das erste Geld für die Turnhalle kam durch Spenden durch seinen Kontakt mit Saarbrücken. Er hatte eine große Familie und hatte es sicher nicht leicht, aber er war ein besonderer und kluger Mann. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen an ihn."
In den beiden Anfangsjahren Nahariyas dürfte die "Sicherheitsfrage" noch keine so ausschlaggebende Rolle wie mit Beginn der arabischen Unruhen im Frühjahr 1936 gespielt haben. Die Bemühungen um die Sicherheit beschränkten sich auf den "normalen" Schutz gegen Diebe und Eindringlinge in die neue Siedlung. Als einer der frühesten Angestellten des Jahres 1934 wurde ein ehemaliger jüdischer Wächter (Schomer) aus Tiberias in Nahariyya beschäftigt. Sein Name war Zwi Nissanow. Seine Aufgabe war es, in Nahariyya für Sicherheit zu sorgen und die neue Siedlung als "Muchtar", also als Verbindungsmann zu den britischen Behörden und arabischen Nachbarn zu vertreten. Nissanow schützte also vor allem bei Nacht das umzäunte Gelände vor Eindringlingen. Und am Tage dokumentierte er die "Souveränität" Nahariyas durch eine quasi-militärische Kleidung nach innen wie nach außen, ohne dabei die Empfindungen der arabischen Nachbarn zu verletzen. Für letztere muss Nissanow wohl ein feines Gespür besessen haben. Er vereinbarte zum Beispiel Besuchstermine für die Gesellschaft bei den Vertretern der umliegenden arabischen Dörfer mit dem Ziel, dass "die Siedler in persönlich gut-nachbarliche Beziehungen der Sheiks treten" sollten. Dem jüdischen Wächter Nissanow zur Seite stand sogar ein arabischer Wächter, Abu Fusi mit Namen. Die Lage änderte sich, als der arabische Aufstand im Jahre 1936 begann. Zunächst musste der arabische Wächter durch einen jüdischen ausgewechselt werden. Nahariya profitierte davon, dass die Jewish Agency mit Zustimmung der britischen Mandatsregierung eine "Jewish Settlement Police" aufstellte. Der Sohn des Siederaktionärs Willi David, Fritz David (geb. 1910 in Mannheim), meldete sich zum Dienst in Nahariya (bis 1944). Vom Jahre 1939 an war Fritz "Group Sergeant" und damit verantwortlich für die Sicherheit des Bezirkes West-Galil. Parallel zu dieser offiziellen Arbeit baute Fritz David (mit Hilfe von Chaim Bermann, Jakob Pauker und Chaim Ginsburg) die Haganah auf und wurde ebenfalls deren Bezirkskommandant.
Die Hilfspolizei-Truppe für Nahariya bestand im Jahre 1936 aus 6 Mann, die mit Jagdgewehren und einigen richtigen britischen Militärgewehren ausgerüstet waren. Ab 1937 wurden nahezu alle wehrfähigen Männer Nahariyas von Haganah-Leuten im Rahmen der "Special Police" ausgebildet. Andreas Meyer erinnert sich: "Unter den Engländern gab es auch einige, die uns wohlgesinnt waren. So entsinne ich mich noch an einen Sergeant Fish, der mit einer Kiste Munition kam und mit uns, eigentlich den Haganah-Mitgliedern, am Strand Schießübungen machte." Zur Situation Nahariyas im Jahre 1936 schrieb Fritz David: "Im Herbst 1936 war die Lage oft so kritisch, dass in vielen Nächten aus Mangel an Verteidigungskräften die Fronten verkürzt werden mussten. Frauen und Kinder, die nicht in Steinhäusern wohnten und deren Holzhäuser im ,Außenbezirk' lagen, schliefen im Zentrum des Dorfes." Drei bittere Jahre lang kam Nahariya nicht zur Ruhe. Andreas Meyer berichtet: "Nachts wurde Nahariya mit ziemlicher Regelmäßigkeit von dem Hügel gegenüber beschossen, was eine reelle Gefahr für uns war und zur Folge hatte, dass Nahariya vollkommen isoliert war. Jeder Nahariyaner musste nachts auf Schmirah, auf Wache gehen. Die Wachen waren nach einer Toranut eingeteilt. Das hieß: ,Du hast morgen von 12 Uhr nachts bis vier Uhr morgens Dienst, und übermorgen ab vier Uhr ist Herr Cohen dran.' Rund um Nahariya waren Stellungen gebaut. Wir hatten ein paar Gewehre hier. Mein Vater, der früher in Rheda Jäger war, hatte zwei lizensierte Jagdgewehre aus Deutschland mitgebracht. Außerdem hatte die Haganah illegale Waffen. So hatten wir hier in Nahariya neben den ,illegalen' Gewehren noch einige lizensierte Schrotflinten. Die Engländer stellten eine Art Hilfspolizei, und wenn nachts die Araber hier hereinschossen, dann mussten wir alle los. Da gab es einen Verantwortlichen für den Block, der rief uns zusammen. Das geschah mit Hilfe eines aufgehängten Sechs-Zoll-Rohr-Stückes. Wenn man darauf mit einem Stück Eisen trommelte, war es wie eine Glocke weit und breit zu hören. Dann mussten alle in die Stellungen reinspringen und Krieg spielen. Ich war damals im ,Makkabi Hazair'. Zu meiner Pfadfinder-Gruppe gehörten damals Esra Reich, Sohn eines der Nahariya-Gründer, Milton Richard, der zu uns in die Schlosserlehre ging. Judith Hirschfeld, die Tochter von Dr. Hirschfeld, der das Postamt leitete. Kurt Seligmann, Albert Silberschmidt, Hannah Windmüller, die Tochter unserer Nachbarn aus Rheda, Egon Dorner, Ruth Loewy, die mit der Gründerfamilie verwandt war, und Julle Broch, dessen Vater in der ,Nahariya Small Holdings Ltd.' arbeitete. Wir spielten oft Tischtennis. Wenn dann geschossen wurde, haben wir für eine halbe Stunde das Tischtennisspiel unterbrochen und nachher weitergespielt. Alle wurden in Dienste eingeteilt, ich zum Beispiel war auf dem Wasserturm mit Morsen beschäftigt. Durch Morsegeräte waren wir in Verbindung mit Haifa und später mit den Kibbuzim, die von Nahariya aus gegründet worden sind. Das war der einzige Kontakt nach außen, ohne auch von den Engländern kontrolliert zu werden. Damals fing die illegale Einwanderung an, und die ersten Kontakte zu den Illegalen Schiffen stellten wir durch das Morsen her."
Da die "Jewish Agency" während der arabischen Unruhen mit einer baldigen Realisierung des "Peel-Planes" von 1937 rechnete, der eine Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil vorsah, wollte ihr Vorsitzender Ben Gurion den noch unterentwickelten jüdischen Bevölkerungsanteil im westlichen Galiläa stärken, um es bei einer Teilung in den jüdischen Staat eingliedern zu lassen. Ursprünglich war Nahariya die einzige jüdische Siedlung nördlich von Akko gewesen. Im Jahre 1936 veranlasste die Sochnuth die Gründung des Kibbuz' Evron in Zelten auf dem Schulhügel von Nahariya. Der Kibbuz zog später nach Ein Sharah auf den Boden von Liebermann und danach erst zu seiner endgültigen Niederlassung auf einem Hügel südöstlich von Nahariya. Noch ehe die jüdischen Siedlungen Hanita und Shavei Zion gegründet waren, wurde Selig Eugen Soskin als Vertreter Nahariyas vor die Peel-Kommission geladen. Anhand einer Karte des westlichen Galil legte er seine Gründe dar, weshalb dieser Landesteil nicht arabisch werden sollte. Schließlich entschied sich die "Royal Commission for Palestine", Nahariya mit dem gesamten Galil dem jüdischen Teil zuzuschlagen. Damit wurden zunächst Perspektiven zur weiteren jüdischen Besiedelung des Galil ermöglicht. Im folgenden Jahr 1938 gründeten deutsche Auswanderer aus Rexingen in Württemberg südlich von Nahariya den Moshav Shave Zion. Nahariyaner halfen hier beim Aufbau. Wollte man sich Anrechte auf den überwiegend arabischen Norden zwischen Haifa und der syrischen - heute libanesischen - Grenze sichern, dann mussten zusätzliche siedlungspolitische Tatsachen vollendet werden. Damit geriet Nahariya, das sich immer dagegen verwahrt hatte, seine "mittelständischen" Landwirte mit "Kibbuzniks" gleichsetzen zu lassen, in die ambivalente Rolle eines dreifachen Kibbuzgründers: von Hanita, Matzuba und Chirbeh Zemach, das später den Namen "Eilon" erhielt. Andreas Meyer schildert seinen persönlichen Anteil bei der Gründung Hanitas: "Auf geradezu abenteuerliche Weise wurden in Nahariya vorgefertigte Häuserteile und Befestigungsmaterialien im Morgengrauen des 21. März 1938 mit Lastwagen an Bassa (heute Shlomi) vorbei bis an den Fuß der Bergkette transportiert und von dort von 600 Helfern den steilen Berg hinaufgeschleppt, flink zusammengebaut und mit einem Stacheldraht umgeben." Andreas und Justus Meyer gehörten zu jenen über 600 Menschen, die durch die "Haganah" mobilisiert worden waren. Ähnlich wie Hanita, nämlich nach der "Turm-und-Mauer-Methode", wurde auch Matzuba gegründet. Die "weiche" Appeasement-Politik Großbritanniens in Europa zwang diese alte imperiale Macht in anderen Teilen des britischen Weltreiches zu härterem Vorgehen. Deutschlands faschistischer Partner Italien versuchte England aus dem Mittelmeer-Raum und dem Nahen Osten mit dem Suez-Kanal zu verdrängen. Der Nahariyaner Lehrer Zeev Amit erlebte als Kind das Bombardement Tel Avivs im Herbst 1940 durch die Italiener. Auch Haifa wurde von ihnen bombardiert. Vor allem die Raffinerie der "British Petrol" war Ziel ihrer Kampfflugzeuge. Dabei wurde auch einmal Nahariya zum Nebenobjekt ihrer Bomben, die sie bei ihrer Runde über die Haifa-Bay nicht losgeworden waren und einfach abluden. Andreas Meyer war gerade zur Schmirah auf dem Wasserturm eingeteilt und kann sich noch gut erinnern, wie er Hals über Kopf mit der übrigen Besatzung die vielen Stufen hinunter rasten. Die britische Außenpolitik, seit 1917 mehr oder weniger auf der pro-jüdischen "Balfour-Linie", änderte sich mit Beginn des Zweiten Weltkrieges bis hin zu eindeutig pro-arabischen Optionen. Großbritannien konnte sich in Palästina keinen arabischen Aufstand mehr leisten und beendete diesen gewaltsam. Die Freude der jüdischen Bevölkerung hielt auch nur kurz an, denn im Geheimen empfahl ein Gutachten der "Woodhead-Commission" vom Januar 1938 nun keine Teilung Palästinas mehr, keinen jüdischen, aber auch keinen arabischen Staat in Palästina, doch dessen Eingliederung in eine arabische Föderation. In dem am 17. Mai 1939 veröffentlichten britischen "Weißbuch" wurde die jüdische Einwanderung nach Palästina drastisch eingeschränkt: "Vom April dieses Jahres an werden innerhalb der nächsten fünf Jahre 75.000 Einwanderer zugelassen. Nach fünf Jahren wird keine jüdische Einwanderung mehr gestattet, es sei denn, die Araber Palästinas wären dazu bereit." Da mit Letzterem kaum zu rechnen war, bedeutete dies de facto, dass bis April 1944 jährlich etwa 15.000 Einwanderer zugelassen wurden. Damit wurde jeder Versuch, im letzten Kriegsjahr oder gar unmittelbar nach dem 8. Mai 1945 ins Land zu kommen, für illegal erklärt. Diese "Weißbuch-Politik" war nun konkreter Ausdruck der neuen pro-arabischen Außenpolitik Großbritanniens.
Die "Weißbuch-Politik" wurde von den Engländern bis zur Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 konsequent eingehalten. Die Folgen bekam Nahariya bald zu spüren. Die ersten "Illegalen" kamen ab 1939 ins Land und mussten von den Bewohnern Nahariyas versteckt und versorgt werden. Andreas Meyer lernte mit einem Morsegerät die Verbindung mit Haifa zu halten, am Tage mit einem Heliographen und bei Nacht mit Lichtsignalen. Wenn illegale Schiffe angekündigt worden waren, kamen Instruktoren der Haganah mit Funkgeräten auf den Wasserturm, um Kontakte zu den Schiffen und nach Haifa herzustellen. Zehn bis zwölf Schiffe sollen im Laufe der britischen Seeblockade an der Küste Nahariyas gelandet sein (die Angaben widersprechen sich), darunter die "Colorado", die "Aliya", die "Assimi", die "United Nations" und die "Hannah Szenes". Die "Hannah Szenes" war vor Nahariya gekentert und wurde schließlich für die neue israelische Armee wieder flottgemacht. In einer Tagebuchaufzeichnung des 1. Januar 1948 erfahren wir, dass 700 Flüchtlinge an Bord der "United Nations" waren, darunter 40 Kinder und viele Frauen. 537 Menschen konnten illegal versteckt werden, ehe Militär und Polizei erschienen, 131 wurden verhaftet und in ein Camp gebracht. Daraufhin wurde ein 24stündiger "curfew" über Nahariya verhängt. Die Zeit ab 1939 hatte aber auch ihre positiven Seiten. Andres Meyer berichtet: "Als der Weltkrieg im Jahre 1939 anfing, brach bei uns der Frieden aus. Es war das erste Mal seit meiner Ankunft in Nahariya (Januar 1938), dass ich über den Hügel jenseits der Straße gegangen bin und das Land hinter diesem Hügel sah. Aber ein neues Problem war zu bewältigen. Zehn Kilometer von hier lag im heutigen Libanon syrisches Gebiet, dessen Mandatsmacht Vichy-Frankreich war. Vichy-Frankreich war mit Hitler verbündet. Palästina aber war britisches Mandatsgebiet. Da die Alliierten den Verdacht hegten, dass Hitler eventuell über diesen Weg hierher kommen könnte, wurden an der Grenze oben Befestigungen gebaut. Die Aufträge dafür bekam die Firma Diskin. Ebenso befürchteten sie, dass die deutsche Wehrmacht mit Rommel über die Western Desert in Palästina einmarschieren könnte. Sie konnten sich also keinen arabischen Aufstand mehr leisten. An der Grenze zum heutigen Libanon wurden Befestigungen gebaut, Panzersperren und Bunker mit einem Sehschlitz, so genannte ,Pill-Boxes'. Dafür haben wir in der Schlosserei enorm viele Arbeitsaufträge erhalten. Die Bunkeröffnungen haben wir durch 16 mm dicke Eisenklappen dicht gemacht." "Die Anti-Tank-Gräben wurden mit Traktoren der Firma Gut & Gurewitsch ausgehoben. Von ihr erhielten wir viel Arbeit. Unsere Auftragslage war gut durch die Arbeiten an den Befestigungsanlagen. Nahariya war klein, da gab es nicht genug Aufträge jüdischer Kunden. So war der größte Teil unserer Kundschaft arabisch, die ich in den Dörfern hier ringsum mit einem Motorrad besuchte. Ich besaß damals eines der ersten Motorräder Nahariyas, das ich einem englischen Soldaten für Geld und Whisky abgekauft hatte. Es war eine italienische "Motoguzzi", die dieser Engländer im Syrienfeldzug erobert hatte. Auf dieses Motorrad hatte ich hinten einen kleinen Schraubstock und eine Werkzeugtasche montiert und fuhr damit in der Gegend 'rum zu arabischen Plantagen, um die Motoren und Wasserpumpen, die die Obst- und Zitrusbäume bewässerten, zu reparieren. Als ich wochenlang in den Dörfern herumfuhr, habe ich auch etwas Arabisch gelernt, genug, um mich zu verständigen. Seitdem hatten wir sehr gute Freunde unter den Arabern. Es zeigte sich, dass wir jüdischen Arbeiter mit den arabischen Fellachen und Arbeitern gut ausgekommen wären, wenn die Politiker nicht gewesen wären." Auch die Gastronomie Nahariyas verdiente an den vielen alliierten Soldaten, die um Nahariya herum stationiert waren. Die einst zur Verstärkung des jüdischen Bevölkerungsanteils errichteten Kibbuzim Hanita, Matzuba und Eilon spielten in den Augen der Briten durch ihre Grenzlage zum Libanon im Krieg gegen Vichy-Syrien eine wichtige strategische Rolle. In ihrer Not waren die britischen Behörden in Palästina bereit, wieder Zugeständnisse an den jüdischen Bevölkerungsteil zu machen. Bestes Beispiel für diese neue Linie war die plötzliche Freisetzung der berühmten "Dreiundvierzig" aus dem Militärgefängnis in Akko am 16. Februar 1941. Zu ihnen gehörte der Haganah-Kämpfer Moshe Dayan, der im Juni 1941 von Hanita aus zusammen mit Yigal Allon und Itzchak Rabin Spähtrupps in den damals noch syrischen Libanon anführte. Hanita bei Nahariya wurde zum Ort eines persönlichen Schicksalsschlages für Moshe Dayan. Während er von hier aus am 8. Juni 1941 einen Stoßtrupp auf syrisch-libanesisches Gebiet anführte, verlor er sein linkes Auge, als ein französisches Geschoss sein Fernglas durchschlug.
Die schlimmsten Monate sollte Nahariya in der Zeit zwischen dem UN-Teilungsbeschluss am 29. November 1947 und dem Unabhängigkeitstag am 14. Mai 1948 und dann noch einmal bis zu den verschiedenen Waffenstillstandsabkommen zwischen Februar und Juli 1949 erleben. Die Bewohner Nahariyas reagierten auf den UN-Teilungsbeschluss mit Bestürzung. Der gesamte Westgalil mit den jüdischen Siedlungen Nahariya, Shave Zion, Regba, Evron, Hanita, Matzuba, Elon und Yechiam sollte dem arabischen Teil Palästinas eingegliedert werden. Sofort wurde die Bautätigkeit in Nahariya unterbrochen. Die Konservenfabrik Arnold Kahns stellte ihre Lohnzahlungen ein. Arbeitskräfte wanderten mit ihren Familien ab. Die Einwohnerzahl schrumpfte von 1.800 auf 1.500. Eine wirtschaftliche Depression war die Folge für Nahariya. Auf Anfragen an die Behörden des "Jishuv" erhielten die Nahariyaner vertröstende Antworten: Man wolle Nahariya zwar nicht mit Gewalt zurückerobern, aber auf dem Wege der Verständigung mit den Arabern zu Gebietsregulierungen kommen. Dabei könne Nahariya durch Gebietsaustausch dem neuen jüdischen Staat angegliedert werden.
Nahariya erlitt seinen "Schwarzen Tag", als am 23. März 1948 ein Konvoi auf dem Wege zu dem abgeschnittenen Kibbuz Yechiam von Arabern aufgerieben und 47 junge Leute, die von Nahariya aus aufgebrochen waren, getötet wurden. Vier Nahariyaner waren unter den Opfern zu beklagen. Der Durchbruchsversuch von Nahariya nach Yechiam war allerdings keine individuelle Aktion, sondern ist historisch einzuordnen in eine Reihe von jüdischen Versuchen, die arabischen Abriegelungen jüdischer Wohn- und Lebenszentren zu durchbrechen, was zu zahlreichen Katastrophen führte. Fast zeitgleich zu Yechiam schlugen Ende März die Durchbruchsversuche nach Etzion bei Bethlehem, im Negev und am Bab-el-Wad auf der Straße nach Jerusalem fehl. Noch während dieser katastrophalen Niederlagen jüdischer Konvois rückten die USA vom bereits beschlossenen UN-Teilungsplan ab und schlugen eine UN-Treuhänderschaft für Palästina vor. Selbst viele Zionisten erblickten nun im Wunsch nach der Staatsgründung eine Torheit. Aber dann kam im April 1948 der Wendepunkt. Mit Waffen aus der ČSR gelang es jüdischen Einheiten unter Yigael Yadin die Blockade Jerusalems aufzuheben. "Von nun an bis zum Tag der Staatsgründung erringen die Juden einen Sieg nach dem anderen. Ben Gurion hat seinen 'großen Coup' gelandet, und der Wind hat sich gedreht." Nahariya kann wieder hoffen. Das abgeschnittene Nahariya wurde vom Meer aus versorgt und hielt durch bis zum Eintreffen eines Konvois von ca. 25 Autos unter dem Schutz von Panzerwagen am 14. Mai 1948, dem Unabhängigkeitstag. Gleichzeitig kamen an diesem 14. Mai 1948 die ersten offiziellen israelischen Soldaten auf dem ehemaligen Flüchtlingsschiff "Hannah Szenes" nach Nahariya. Am Nachmittag des 14. Mai 1948 hörten die Nahariyaner über Rundfunk die Ausrufung des israelischen Staates durch Oberrabbiner Herzog. "Abends in den Cafés Hochbetrieb. Von den neuen jüdischen Sendern werden die Feiern anlässlich der Staatsproklamation übertragen." Tags darauf herrschte trotz der Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit in Nahariya gedrückte Stimmung. Denn alle Männer im Alter zwischen 17 und 55 Jahren wurden zum Ausbau von Befestigungsanlagen aufgerufen, weil inzwischen die regulären Armeen von fünf arabischen Nachbarstaaten, Ägypten, Irak, Libanon, Syrien und Transjordanien, in den neuen Staat Israel einmarschiert waren. Es dauerte noch einmal sieben Monate, in denen Nahariya mehrmals bombardiert wurde, ebenso die umliegenden Kibbuzim Hanita und Evron.
Für Nahariya war der 26. Mai 1948 ein weiterer "Schwarzer Tag". Der Friseurladen von Sascha Blitzblau wurde durch den Luftdruck einer neben dem Haus eingeschlagenen Bombe zerstört. Fünf Personen wurden getötet - darunter der kleine Dani Neumann, der gerade mit seiner Mutter beim Haareschneiden war. Danis Mutter wurde nur leicht und Sascha Blitzblau schwer verletzt. Das tragische Ereignis mit weiteren Konsequenzen für die Familie von Walter Neumann wurde von Schlomo Rülf festgehalten. Am Tag darauf beerdigte Rabbiner Keller die Opfer. Der 27. Mai 1948 war der Tag "Lag Ba'Omer", an dem auch Esther und Andreas Meyer von Rabbiner Keller getraut wurden. Private und politische Ereignisse Nahariyas waren miteinander tief verflochten. Irakische Flugzeuge warfen tags darauf, am 28. Mai 1948, Flugblätter in deutscher, hebräischer und arabischer Sprache ab - Kommentar eines Nahariyaners: "Interessant war, dass der deutsche Text in einem tadellosen Stil abgefasst war." Die arabischen Verfasser bzw. Auftraggeber appellierten an "den vernünftigen Teil der jüdischen Bevölkerung", mit den Arabern für ein ungeteiltes Palästina unter einer "weisen und einheitlichen Verwaltung" einzutreten. Doch die bangen Fragen der Nahariyaner liefen in eine ganz andere Richtung - "Werden wir das West-Galil behalten?" oder sollte Nahariya weiterhin laut UN-Teilungsplan vom 29. November 1947 zum arabischen Teil Palästinas gehören? Natürlich wäre im letzten Falle ein Festhalten am Modell eines ungeteilten Palästina die pragmatischere Lösung für Nahariya gewesen. Aber die Einwohner setzten eher auf den Kommentar der deutschsprachigen Tageszeitung "Jedioth Chadashot" vom 11. Juni 1948, dem Tag des ersten UN-Waffenstillstandes: "Die Menschen im West-Galil waren Monate hindurch abgeschnitten und bedroht. In diesen schweren Monaten haben sie sich vollauf bewährt. Sie haben die Tradition, die mit der Landung der 'Chana Senesch' eröffnet wurde, in Treue zum Volke fortgesetzt. Sie haben sich um den Jischuv verdient gemacht. Es kann deshalb nur eine Antwort auf die obige Frage geben: Der Jischuv darf das West-Galil nicht preisgeben." Nahariya gehörte bereits zum Zeitpunkt des ersten UN-Waffenstillstandes am 11. Juni 1948 zum israelisch kontrollierten Gebiet, aber es hätte ja als "Verhandlungsmasse" für einen Friedensschluss mit den Arabern wieder aufgegeben werden können. Beruhigend nahmen die Nahariyaner den Plan des UN-Beauftragten Graf Folke Bernadotte zur Kenntnis, nach dem Israel das gesamte West-Galil erhalten sollte. Doch die arabischen Staaten weigerten sich, über diesen UN-Vorschlag zu verhandeln. Aber auch Ben Gurion lehnte den Bernadotte-Plan ab, weil er als israelische Gegenleistung den Verzicht auf den Negev vorsah. Dieser gehörte ebenso zu Ben Gurions Kriegszielen wie ganz Galiläa und ein freier Zugang nach Jerusalem. Innerhalb dieser Ziele des neuen israelischen Ministerpräsidenten und Verteidigungsministers war also das politische Existenzrecht Nahariyas im Rahmen des neuen Staates Israel gesichert. Denn Ben Gurion gab sich längst nicht mehr mit dem ursprünglichen UN-Teilungsplan vom 29. November 1947 zufrieden. Er galt für ihn nur als "Ausgangsbasis" für ein größeres Israel mit Jerusalem als Hauptstadt. Andererseits war er in Grenzfragen flexibel und bereit, auf Eroberungen für einen "gesicherten Frieden" mit den Arabern zu verzichten, aber wohl kaum auf Gebiete, die vorher bereits jüdisch besiedelt waren wie Nahariya. Nach einer Verschnaufpause von einem Monat endete am 9. Juli 1948 der erste Waffenstillstand. Es war Ben Gurion gelungen, die verschiedenen militärischen Formationen von "Palmach" bis "Etzel" unter ein einheitliches Kommando zu stellen, heimliche Waffenlieferungen nach Israel zu organisieren und illegale Einwanderer in neuen Brigaden zu rekrutieren, mit denen bis zum Zeitpunkt eines zweiten UN-Waffenstillstandes am 19. Juli 1948 die Armeen Syriens und des Libanon aus Zentralgaliläa vertrieben werden konnten. Nach zahlreichen kleineren arabischen Provokationen fühlten sich die Israelis berechtigt, auch diesen Waffenstillstand zu brechen, um in einer Offensive "Hiram" Ende Oktober 1948 sämtliche arabischen Verbände aus dem Nord-Galil zu vertreiben. Erst nach Abschluss des Waffenstillstandsprozesses (24.2.49 mit Ägypten, 23.3.49 mit dem Libanon, 3.4.49 mit Transjordanien, 20.7.49 mit Syrien) konnten die Einwohner Nahariyas sicher sein, zum Gebiet innerhalb der "Grünen Linie" und damit auch offiziell zum neuen Staatsgebiet Israels zu gehören.
Mit der Sicherheitsfrage und der Rolle Nahariyas in Bedrängnis sind wir chronologisch bis zum Jahre 1949 vorgedrungen. Doch die weitere innere Entwicklung Nahariyas soll ebenfalls vom Jahre 1935 an nachvollzogen werden. Nahezu vierzig Erstsiedler haben sich bis Ende 1935 in Nahariya niedergelassen. Soweit ihre Berufsangaben noch vorhanden sind, bestätigen sie im Großen und Ganzen den Charakter Nahariyas als "Mittelstandssiedlung". Ein knappes Viertel der Erstbewohner dürften wie das Ehepaar Deutsch/Dayan von ihrer Vorbildung her überzeugte Zionisten gewesen sein und keine schweren Integrationsprobleme in die neue Umgebung gehabt haben. Eine ebenso große Anzahl von Erstbewohnern wie Mayer-Wolf oder Lesser wanderte nach dem Kriege wieder aus Nahariyya und Israel aus. Es waren sicherlich nicht nur die Anfangsprobleme, die mit unfertiger Infrastruktur, Geldmangel verbunden waren, sondern die Auswanderungsmotive hingen auch mit dem späteren Scheitern des Soskin-Planes zusammen. Ihre Siedlung wurde zum Experiment eines bis dahin noch nicht erprobten Modells, bei dessen Umsetzung die Siedler vorübergehend zu Objekten degradiert wurden. Die sich daraus ergebenden Krisen überstanden aber die meisten Bewohner Nahariyas, denn sie suchten bereits in der Anfangsphase Nahariyas nach Nebenerwerbsmöglichkeiten. Das ökonomische Modell Nahariya scheiterte, während sich das soziologische und kulturelle Modell Nahariya in der historischen Wirklichkeit zu behaupten verstand. In den Wirtschafts- und Lebenskrisen der Nahariyaner sorgten Kulturträger wie Fritz Wolf aus Heilbronn, David Weiler aus München oder Otto Meyer aus Rheda für distanziert-heitere Verarbeitung der Alltagssorgen auf der Bühne.
Vor allem in den Musicals von Fritz Wolf werden auf tragikkomische Art und Weise Ernüchterung und Enttäuschung zum Leitmotiv erhoben. Die Herren Soskin und Warburg von der "Nahariya Ltd." erscheinen in der "Großen Parnoße" als Jahrmarktschreier, die ihre Wunderparzellen mit "Holdrio"-Rufen anbieten: "Eine Nahariya Parzelle kostet nicht viel mehr als euer ganzer Transfer." Dafür erhalten die naiven Jeckes "einen Boden mit Steinen so groß wie Kindsköpfe, einen Stall, dass der Beton drin springt...Hühner für die Suppe..." Ebenso werden die "mumchim" zum Gegenstand des Gespötts; sie wandeln umher wie unfehlbare Halbgötter und orakeln ohne konkrete Angaben vom "rechten Augenblick" der Aussaat und des Pflügens. Fritz Wolfs größtes Opus, die "Nahariyade", komprimiert mit dem Siedler Jakob Mendelstein den idealtypischen Tagesablauf eines Nahariya-Landwirtes, der mit seinen einundvierzig Jahren bereits so ausgezehrt ist, dass er am frühen Morgen am liebsten weiterschlafen würde. "Mathilde ich bin müde, Mathilde ich bin matt Und faul in jedem Gliede als wäre heut´ Schabath." "Müdigkeit" und nicht die erwartete pionierhafte Tatkraft wählt Fritz Wolf als Leitmotiv für den Alltag in der jungen Siedlung Nahariya aus. Wenn man sich doch aufgerappelt hat, geht man die "kranken Tiere" füttern, zündet man den Petroleumherd an - "teuer war er und nichts wert", geht hinaus auf´s Feld zur Ernte. "Doch was nützt die beste Sorte, wenn die Spesen so horrend, Samen, Dünger und Transporte, netto bleiben zehn Prozent." Und dann muss das Unkraut bekämpft werden, dem völlig unromantisch das "Lied von der Blauen Blume" gewidmet wird. Hektik kommt auf, als es darum geht, die Ernte nun zur Feldbahn zu bringen und bei der "Tnuvah", der Vermarktungsgesellschaft, abzuliefern. Hier muss man erst einmal in der Schlange stehen: "Weißt du wie viel Stunden gehen, bis man kommt dran?" Dann werden die Sorten von gestrengen Gemüsekontrolleuren genau geprüft, einen Teil muss Mendelstein wieder mit nach Hause zum Selbstverzehr nehmen. Pessimismus kommt auf, der aber durch Herbeisingen von "Hoffnung" wieder verjagt wird. Eine Auswahl von Fritz Wolfs Liedern sind 60 Jahre spater von deutschen Schulern des Gymnasiums Heepen in Nahariyas Partnerstadt Bielefeld wieder aufgefuhrt worden, um sie fur einen Film von David Witzthum uber Nahariyas erste Jahre zu verwenden. Der Film mit dem Titel "Nahariyade" ist nach einer Idee von Andreas Meyer entstanden und im Jahre 2002 im Offenen Museum Tefen uraufgefuhrt worden. Dort ist er auch kauflich zu erwerben. Die Hochwasserkatastrophe des Winters 1937 wird in der "Grossen Parnosse" frei nach Goethes Zauberlehrling erlebt und bekämpft. Das letzte Geld geht verloren, die Schulden bei der Kooperative steigen, die Stimmung sinkt. "Erstmals verlor man den Glauben an Hühner und Gemüse und das Problem des Nebenerwerbes tauchte auf." Der Pessimismus wird verdrängt: "Keep smiling, das musst Du stets denken, und wenn Dir das Herz auch bricht..." Während alle Freunde des Herrn Mendelstein sich enttäuscht von Landwirtschaft, Obstbau und Hühnerzucht abwenden und sich Berufen zuwenden, "die ihrem Alter und ihrer Vorbildung besser entsprechen", beschwört das Finale der "Nahariyade" die Standhaftigkeit des Herrn Mendelstein: "Er allein in voller Manneskraft - Er allein bleibt treu der Landwirtschaft." Es war vor allem die junge Generation, die den Älteren verdeutlichte, dass ihr Nahariya zur Heimat geworden war. Der "junge Siedler" Heinz Brock bekannte vor resignierenden Siedlern 1937 in einer Vollversammlung der Kooperative: "Die Gruppe der jungen Menschen in Nahariya, die heute noch eine Minderheit ist, ist fest gewillt, in Nahariya auszuhalten, weil sie nicht nur aus Transfergründen nach Nahariya gekommen ist, weil sie in Nahariya eine Heimat finden will, auch wenn sie eine Zeit lang hungern muss." In Nahariya musste niemand hungern. Die Siedlung Nahariya lebte weiter, indem sich ihre Bewohner auf neue Erwerbszweige konzentrierten.
Es bedurfte eher des Idealismus' der Jungen, um die Krisenjahre Nahariyas einigermaßen zu meistern. Im Protokoll der bereits erwähnten Generalversammlung der Genossenschaft erklärt der Siedler Brock, der offensichtlich der politischen Linken zuzuordnen ist: "Der Horizont der Siedler ist eng, er reicht nicht über die Gemüsepreise hinaus. Deshalb ist leicht eine Katastrophenstimmung erzeugt, die der Siedlung ungeheuer schadet. Die schlechte Stimmung in Nahariya ist im ganzen Lande bekannt..." - Neben den vorher aufgezeigten "objektiven" Bedingungen des Scheiterns des ökonomischen Modells Nahariya nennt Bernhard Simmenauer, ein 1900 in Herten/Westfalen geborener Anwalt, auch bestimmte Verhaltenskomponenten der Siedler selbst, die zu dem finanziellen Desaster des Frühjahrs 1938 beigetragen haben mögen: "Außerdem lebten die Nahariya-Siedler in einem 'Narren-Paradies`. Sie verbrauchten für ihre Wirtschaft und ihren Haushalt mehr, als sie produzierten. Die Übersicht über ihre Lage war ihnen völlig verloren gegangen, weil sie auf Kredit ihr Saatgut und ihren Kunstdünger und ihre Geräte kauften. Die Abrechnungen der Kooperative für die abgelieferten Produkte kamen verspätet und wurden nicht in barem Geld, sondern in geldähnlichen Bons ausbezahlt, die nur zum Einkauf in dem der Kooperative gehörenden Laden verwendet werden konnten. Die Lieferanten des Ladens in Haifa-Unterstadt wollten aber für ihre gelieferten Lebensmittel 'Palestine Pounds` und nicht grüne oder blaue bedruckte Papiere haben. Kurz - die Situation war für eine grundlegende Reform reif geworden." Diese Reform und dieser Neuanfang setzten ein, als die Kooperative Nahariyas um die Jahreswende 1937/38 durch eine langfristige Anleihe der "Central Bank for Cooperative Institutions", für die sich ihr Direktor Viteles eingesetzt hatte, gerettet wurde. Mit ihr konnten die Schulden getilgt und jedem Siedler ein Vorschuss auf seine gelieferten Produkte ausgezahlt werden. Dies führte auch zu weiteren Änderungen. Das Pitkaot-System, das aus besagtem grünen und blauem Nahariya-Geld bestand, wurde abgeschafft und zum Bargeld-System übergegangen. Der Makolet der Kooperative wurde an Private verpachtet und später verkauft.
Die wirtschafts- und erwerbspolitische Umstrukturierung Nahariyas aber war nun nicht mehr aufzuhalten. Richard Marx (1895-1980), ein ehemaliger Kaufmann aus Heidelberg, seit 1942 Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Kooperative und lange Jahre Vize-Bürgermeister Nahariyas, berichtet: "Immer mehr Siedler in Nahariya wandten sich erträglicheren Erwerbszweigen zu. Die Ingenieure, die im Auftrag des Regierungs-Kontraktors Diskin die Verteidigungslinien im Norden Nahariyas bauten, die britischen Offiziere und ihre Familien, die aus Khartoum und aus Abadan in das milde Klima Nahariyas kamen und den 'europäischen` Kurort entdeckten, zeigten der Bevölkerung, dass sie durch Zimmervermieten und Pensionen leichtere und einträglichere Einkünfte haben konnte als durch schwere landwirtschaftliche Arbeit." Viele ehemalige Landwirte, die im Soskin-Plan keine Zukunft mehr erwarteten, schichteten noch einmal um und machten Nahariya zu einem Ort der Gastronomie, zu einem Kurort und Seebad. Die aller erste Konzession für die Eröffnung einer Pension erhielt Frau Tutti Loewy (1890-1964), die Schwägerin Joseph Loewys, im Jahre 1936. Als Walter Neumann (geb. 1913 in Breslau), als "Schwarze Hand" in Nahariya wirkte, existierte diese Pension bereits. Walter Neumann erzählt noch immer gern die wechselvolle Geschichte dieses Cafés und dieser Pension, die vorübergehend auch von Josef Neuberger (1902-1977) und seiner Frau Ilse (1914-1998) betrieben wurde. Die Neubergers machten dann gegenüber ihre eigene Pension auf, kehrten aber nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück und Joseph Neuberger wirkte als Reformpolitiker und Justizminister noch viele Jahre im Lande Nordrhein-Westfalen.
Als Frau Grete Cohen (1894-1974) ebenfalls eine Pension gründen wollte, erhielt sie zunächst eine Absage durch die Kooperative, deren Ziel es zunächst war, dass jeder Gewerbebetrieb nur einmal in Nahariya vertreten sein sollte. Das "Haus Cohen" erhielt schließlich doch ein Jahr später eine Konzession. Justus und Andreas Meyer erinnern sich noch an ihre ehemalige Nachbarin aus Rheda, denn "Gretchen" Cohen war eine geborene Windmüller und kam mit ihrem Bruder Jakob (1879-1962) aus Rheda. Sie betrieb seit 1937 mit ihrem Mann Richard Cohen (1883-1954) aus Burgsteinfurt in Westfalen ihre Pension, in deren Gästebuch (fast) alle Namen, die mit der Geschichte Israels in Verbindung gebracht werden müssen, verewigt sind: Als bekannteste Gäste haben Chaim Weizmann (1874-1952), der erste Staatspräsident Israels, und David Ben Gurion (1886-1973), allerdings vor seiner Zeit als erster Ministerpräsident, unterschrieben. Ebenso erscheint im Gästebuch der Name von Moshe Sharett (1894-1965), der bis zu seinem Zerwürfnis mit Ben Gurion im Jahre 1956 erster Außenminister Israels, später auch zeitweise israelischer Ministerpräsident und bis zu seinem Tod 1965 Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation war. Ins Gästebuch hat sich auch Dov Joseph mit der Bemerkung "Das ist Nahariya - das ist Haus Cohen!" eingetragen. Unter Ben Gurion hatte Dov Joseph unterschiedliche Ressorts geleitet: als Versorgungs- und Finanzminister, als Handels- und Industrieminister und schließlich als Entwicklungsminister. Gershon Agron (1893-1959), ein anderer Gast in Haus Cohen, war lange Jahre Redakteur der Jerusalem Post und ab 1955 Bürgermeister Jerusalems. Und hinter der Signatur eines Dr. Ralph Bunche (1904-1971) verbirgt sich der in den Jahren 1948/49 in Palästina/Israel tätige UN-Vermittler und spätere Friedensnobelpreisträger. Er hielt sich im März 1949 in Nahariya auf, als er mit dem Libanon Waffenstillstandsverhandlungen führte und im Haus Cohen wohnte. Kulli Weidenfeld (geb. 1919 als Claire Sommerfeld in Schneidemühl) arbeitete ab 1939 im "House Cohen" und erinnert sich an eine Begebenheit mit dem britischen Major Balfour, einem Neffen Lord Balfours: "Er sprach ein wenig Deutsch. Der Hausherr Richard Cohen war ein typischer Westfale, er konnte mit seiner Tochter den ganzen Tag ohne ein Wort zu reden zusammensitzen und am Schluss sagen, sie hätten sich großartig unterhalten. - Und so hat Papa Cohen auch mit dem Gast ein Gespräch geführt. ,Woher können Sie denn Deutsch?' - ,Ich war in Hannover. Mein Urgroßvater war dort König.' ,......' - Cohens hatten einen Dackel. Eines Morgens kam Major Balfour die Treppe hinunter und beschwerte sich mit rollendem englischen ,R': ,Der Johnny, der Dackel, hat einen fürchterlichen Unfug gemacht. Er hat das ganze Kabinetts-Papier durch den Korridor zerstreut.'" Noch viele andere Anekdoten kann Kulli Weidenfeld aus ihrer Zeit im "House Cohen" erzählen. Wer die westfälische Pensions-Chefin nach dem Geheimnis ihres Erfolges befragte, erhielt als Antwort: "Eigentlich wird meine Pension nicht als gastronomischer Betrieb geführt, sondern wie ein vergrößerter Privathaushalt." Und: "Europäische Wohnkultur und eine gepflegte Küche lagen mir immer sehr am Herzen." Gretel Meyer richtete ebenfalls im Jahr 1940 ihre berühmte Pension ein. Anfangs wurden die Gäste noch im Hühnerstall einquartiert und das Frühstück wurde im Freien eingenommen - das berichtet Jenny Cramer, die Frau des Augenarztes Dr. Max Cramer, der Gretel Meyer vom Medizinstudium in Heidelberg her kannte. Gretel Meyer machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und funktionierte in der Notzeit Nahariyas, wie wir von Beate Davidson erfahren haben, ihre Pension zur Entbindungsstation um. - Weitere bekannte Pensionen waren Weidenbaum, Popper und Rosenblatt. Hotel Rosenblatt fing in einem Hühnerstall an, baute an seiner Stelle 1945 ein richtiges Steinhaus und ersetzte dieses 1961 durch ein modenes Gebäude, das bis auf den heutigen Tag existiert. - Die Pension Karl Laufer lag "vis-à-vis dem Badestrand". Eine Bildunterschrift fragt rhetorisch: "Wer kannte nicht Pension Laufer in Nahariya". - Im Jahre 1940 gründet die Familie Oppenheimer das Café "Penguin". Und aus Marianne Oppenheimers Munde hören wir die Geschichte dieses beliebten Cafés, das sich am Gaaton-Fluss von der einfachen Hütte zu einem modernen Gastronomiebetrieb entwickelt hat und heute von ihrem Sohn Ilan und dessen Frau Michal weitergeführt wird. - Schließlich konnten durch die Initiative Dr. Walter Isaacs auch Privatleute Zimmer vermieten. Sehr viele Nahariyaner zogen zur Hochsaison in den Hühnerstall oder Lift, weil ihre eigenen Schlafzimmer von Sommergästen belegt wurden. Nahariya mauserte sich zu einem "europäischen Kurort". Die Zahl der Übernachtungen in Nahariya stieg kontinuierlich von 100 im Jahr 1938 auf 600 im Jahr 1941; von 1942 bis 1947 von 4.000 auf 20.000. Das Blockadejahr 1948 ließ die Zahl auf 2.000 zurückschrumpfen, dann aber stieg die Zahl der jährlichen Übernachtungen von 32.000 im Jahr 1949 auf 120.000 zehn Jahre später.
Neue Erwerbszweige "im zweiten Anlauf" bildeten sich in der Lebensmittelverarbeitung. Familie Strauss - ursprünglich Unternehmer in der schwäbischen Metallindustrie - hatte sich gleich zu Beginn für die Viehwirtschaft entschieden und besaß einen der wenigen Kuhställe in Nahariya. Und nur zufällig produzierte sie Käse aus überflüssiger Milch, ehe sie sich 1939 für die Gründung einer Molkerei auf ihrer ursprünglichen landwirtschaftlichen Parzelle entschloss. Ab 1940 entdeckte Frau Hilda Strauss (1911-1985) ihre Fähigkeit, Eiscreme herzustellen. Das erste "Strauss-Eis" wurde zum Beispiel im "Café Pinguin" in Nahariya verkauft. "Strauss-Eis" wurde zum Marktführer und damit zum Markenzeichen in ganz Israel. Ähnlich entwickelte sich die vielfältige Produktion von israelischen Käsesorten, ehe Strauss auf dem internationalen Markt kooperierte und fusionierte - heute mit Namen wie Danone und Unilever. In jüngster zeit hat Strauss "Elite"-Kaffee übernommen. Gründer Richard Strauss (1909-1975) lud seinen akademischen Lehrer Theodor Heuss (1884-1963), den ersten Präsidenten des freien Deutschlands nach 1945, zweimal privat nach Israel ein und streckte sehr früh den Deutschen die Hand zur Versöhnung entgegen. Die Familie Soglowek-Kvilecky, ließ sich bereits 1937 in Nahariya nieder, um ihre koschere Metzgerei, die sie bereits in Breslau geführt hatte, wieder aufzubauen. Aus Breslau brachten die Sogloweks auch gleich ihren Maschgiach Dr. Aharon Keller (1909-1998) mit, der danach lange Jahre als Rabbiner in Nahariya wirkte. Frau Irmgard Soglowek (1910-2000) erzählte kurz vor ihrem Tode ihre Firmengeschichte, die auch einen Teil der Wirtschaftsgeschichte Israels ist. Vor allem erlebte die Fleischerei Soglowek über fünf Jahre die Folgen der "Zena", der strikten Sparpolitik, mit der die Regierung Ben Gurion bereits seit April 1949 der Versorgungskrise während der Masseneinwanderung unmittelbar nach der Gründung Israels begegnen wollte. Als alle Restriktionen überwunden waren, entfaltete sich Soglowek zu einem national und international renommierten Unternehmen der koscheren Fleischverarbeitung, das die "Nahariya-Wurst" - hebräisch "Naknik Nahariya" - zu einem Markenzeichen erhob. Somit wurde die deutschjüdische Siedlung Nahariya durch zwei Produkte, die ihren Namen tragen, weltbekannt: "Nahariya-Wurst" und "Nahariya Glass".
Eine Siedlerfamilie, die von Anfang an mit zwei Absichten, nämlich landwirtschaftlich und handwerklich tätig zu sein, nach Nahariya kam, war die Familie Meyer aus Rheda in Westfalen. Vater Dr. jur. Otto Meyer (1886-1954) ließ sich 1937 zwar zum Landwirt umschichten, sorgte aber gleichzeitig dafür, dass sich Sohn Andreas (geb. 1921), der in Deutschland das Schlosserhandwerk erlernt hatte, die Ausrüstung für seine Schlosserwerkstatt mit nach Palästina brachte. Sohn Justus (geb. 1913) und Tochter Brita (geb. 1916) arbeiteten in dieser Schlosser- und Fahrradwerkstatt mit. Die Mutter Gertrud Meyer (1877-1966) galt übrigens als "Mutter des deutschen Volkstanzes" und gab auch in Nahariya Unterricht im Volkstanz. Die Schlosserei war zunächst nicht als Haupterwerbsquelle, sondern als "Zubrot" gedacht, entwickelte sich dann zunehmend zu einem eigenständigen Betrieb mit wechselnden Arbeitsschwerpunkten, je nach den Erfordernissen der Zeit an wechselnden Einsatzorten: normale Schlosserarbeiten, Rohrleitungenverlegen, Fahrradreparaturen, Motorpumpen- und Autoreparaturen, Unterwasser-Schweißarbeiten, Herstellung von Taucherausrüstungen unter dem Namen "Dagon" bis hin zur Kunstschmiede- und Glaskunstproduktion in der Manufaktur "Nahariya Glass Ltd.". Die persönlichen Erlebnisse des Ehepaares Esther und Andreas Meyer sind tief verwurzelt in der siebzigjährigen soziologischen, politischen und ökonomischen Entwicklungsgeschichte Nahariyas, die Andreas Meyer auf zahlreichen Fotografien verewigt hat. Wie die Fotosammlung entstandVater Otto Meyer hatte eine "Leika" mit nach Israel gebracht und später seinem Sohn Andreas Meyer vererbt. Bereits während seines Orientierungsbesuches im Jahre 1935 machte Otto Mayer zahlreiche Aufnahmen. Andreas und Justus Meyer setzten diese Tradition fort und fotografierten zahlreiche Arbeits- und Alltagsszenen auf ihrem Meschek und in ihrer Schlosserei. Als Handwerker erhielten die Meyers viele Außenaufträge, während deren Ausführung ebenfalls Bilder aufgenommen wurden. Hinzu kamen zufällige Szenen des Nahariyaner Alltages. Als Andreas 1948 mobilisiert wurde, nahm er die Kamera mit in den Befreiungskrieg und machte zahlreiche Aufnahmen aus seinem Panzerwagen. Es entstand also eine private Bildersammlung über zufällige Begebenheiten, damals noch nicht zur Veröffentlichung gedacht, völlig unsystematisch und unchronologisch, aber aus der Zeit zwischen 1934 und 1949. Erst in den letzten Jahren hat Andreas mit ihrer Katalogisierung und Kategorisierung begonnen. Viele Zeitgenossen und Fachleute hat er um Rat gefragt. Freunde und Bekannte und alte Nahariyaner haben ihm ohne Bedenken viele zusätzliche Fotos zur Verfügung gestellt. Hieraus hat er in täglicher und nächtlicher Kleinarbeit die vorliegende Präsentation erstellt. Eingeteilt wurde die Sammlung in insgesamt 15 Kategorien. Hierbei wurde die Kategorisierung teils nach historischen: Nr. 1 Beginning, Nr. 13 Hagana-illegal immigration Nr. 14 Yamia Nahariya cut-off und Nr. 15 War 48 - Convoys und teils nach systematischen Gesichtspunkten vorgenommen: Nr. 2 Houses and Living, Nr. 3 Farming, Nr. 4 Trades and services, Nr. 5 Youth, Nr. 6 Tourism - Beach, Nr. 7 Culture and Sport, Nr. 8 Mobility and transport, Nr. 9 Sights of Nahariya, Nr. 10 Neigbours, Nr. 11 Special events, Nr. 12 VIPs. Wenige Bilder erscheinen doppelt, da sie sich mehreren Kategorien zuordnen lassen. Die Kategorisierungen sind in zahlreichen Gesprächen, Briefwechsel und Telefonaten zwischen Andreas Meyer und Klaus Kreppel festgelegt worden und hätten auch anders ausfallen können. Bildersammlung und Ordnungssystem erheben also keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Andreas Meyer war niemals beruflich Fotograf oder Computerfachmann. Als Self-Made-Man hat er der Nachwelt wichtige Bilddokumente hinterlassen. Dafür sei ihm unendlich gedankt. Und gedankt sei all denen, die ihm bei der Veröffentlichung mitgeholfen haben. |